"Ich hab einfach das gemacht, was ich liebe, alle sollten das so machen." Kannst du bitte die Fresse halten? Bitte.

Hinweis vom 28.02.2018: 

Diesen Artikel habe ich voller Wut und Scham, nachdem ich mit meiner Selbstständigkeit gescheitert bin, geschrieben. Jetzt, ein Jahr später, bin ich endlich bereit meine Gedanken über meine Fehler zu teilen und vielleicht anderen damit zu helfen. Ich weiß jetzt, dass es nicht schlimm ist wenn man richtig Scheiße baut. Man sollte nur daraus lernen. Ich widme diesen Artikel daher allen, die ständig Dinge und Ideen umsetzen, scheitern und noch tiefer im Tal stecken als jemals zuvor.

Selbstständigkeit Olé! Ach ne doch nicht.


Ende Dezember 2016 musste ich mich neu bewerben und brauchte dazu ein frischgebackenes und aktualisiertes Portfolio (zum Blogbeitrag). Wie es dazu kam und wie man gnadenlos mit einer Existenzgründung und dem Aufbau verschiedenster Websites scheitern kann, berichte ich in diesem Artikel.

 

Im April 2016 kündigte ich meinen damals gut bezahlten Vollzeitjob und stürzte mich volle Kanne in die Selbstständigkeit. Ich wollte Schreiben, Schreiben, Schreiben, Design und Marketing für kleine Unternehmen und Selbstständige aus einer Hand bieten, was zumeist in der Erstellung einer Website mündete. Diese Abgrenzung war aber irgendwie nicht scharf genug, denn es fiel mir doch schwer, diese Tätigkeiten einem Kunden nahe zubringen, weil ich ja wirklich alles bieten konnte - vom Schreiben der Texte, über das Logo bis hin zum Marketing für das jeweilige Produkt. Ist doch eigentlich eine super Kombo! Der Kunde muss sich um nichts kümmern und kann sich getrost zurücklehnen. Ich biete alles aus einer Hand und gebäre ein vollständiges Website-Kind.

 

Leider habe ich mit diesem Konzept nicht wirklich Kunden gefunden, bzw. hatte auch keinen richtigen Plan, wie ich die Akquise betreibe. Ein paar Aufträge habe ich in den 6 Monaten an Land ziehen können, aber es war nie wirklich lohnend und ich kroch finanziell ständig auf dem Zahnfleisch bis Zahlungen eingetroffen sind.

Wenn ich Zeit habe, dann schreibe ich endlich meinen Roman


Dann ist da diese Zeit, in der man keine Aufträge hat und jetzt genau das machen kann, wovon man im Angestellten Verhältnis immer geträumt hat: "Wenn ich den ganzen Tag als Selbständige Zeit hätte, oh ja dann schreibe ich endlich meinen Roman zu Ende" (zum Romanprojekt). Dieses Denken erwies sich als echt bekloppt, weil man als Selbstständige zwar zu Hause sitzt, man sich aber nicht traut, an den eigenen Sachen zu arbeiten, weil ja kein Geld aufs Konto gespült wird. Tatsächlich verharrt man in einer Art Angst starre, kann nicht vor und nicht zurück, zermadert sich das Hirn woher Geld kommt und sucht sich bei ebay-Kleinanzeigen und Xing zu Gelegenheitsprojekten und Jobs, die NICHT auf Provisionsbasis funktionieren, tot.

 

Tatsächlich habe ich an meinem Roman noch weniger gearbeitet, als zur Zeit meines Angestellten Verhältnisses.

Ich erschaffe mir ein passives Einkommen mit Websites - Super Idee!


Ich hatte so einen tollen Plan, dass ich durch Website Werbeeinnahmen finanzielle Engpässe der Selbstständigkeit irgendwie mit ausgleichen könne. Ich baute daher mit eigens erstellten Content zwei Websiten auf: www.derselbstoptimierer.de und buchrezensionen-online.com. Beide Seiten pflegte ich mit immer neuen Artikeln, welche ich dummerweise nicht jede Woche bedienen konnte, weil natürlich immer irgendwas dazwischen kommt (wobei ein wöchentlicher Tonus dabei auch viel zu gering ist!!!). Anschließend baute ich für einen künstlerischen Fotografen in vielen Wochen eine extrem umfangreiche Website (hercegphotography) und schaltete dort Werbung. Und am Ende hatte ich auch noch die geile Idee, dass ich nochmal eine extra Marketing-Website baue, damit Kunden mich spezialisierter wahrnehmen. 

 

Das Ende vom Lied:

Wirklich zufrieden war ich eigentlich immer nur mit dem Selbstoptimierer, der zwar wenig Geld, aber wenigstens irgendwie Geld gemacht hat. Für die restlichen Websites war ich eigentlich nur Zahlmeister, die ganze Zeit. So saß ich also auf vier Websiten, versuchte Content zu produzieren, suchte aber nebenbei noch Aufträge um Geld zu verdienen.

 

Natürlich erkenne ich jetzt meinen Fehler. Ich hab mich einfach auf zu vieles gleichzeitig gestürzt und hätte mich auf eine Sache konzentrieren sollen: Kundenakquise.

"Ich hab einfach das gemacht, was ich liebe, alle sollten das so machen." Kannst du bitte die Fresse halten? Bitte.


"Folge meinen Anweisungen und du wirst genauso erfolgreich"

 

Nein. So einfach ist das leider nicht. 

Deine romantische Millionärs- und Internet-Erfolgsgeschichte ist möglich für jeden, ja das stimmt, aber nicht für alle! Es liegt nicht nur am beschissenen Mindset, ob jemand Millionär wird oder nicht. Und JA natürlich hat es bei dir funktioniert, aber wie viele Wege hast du vorher ausprobiert? Und wie viel Glück hattest du, dass du zur richtigen Zeit am richtigen Ort warst, dass Geld quasi gerochen hast? Und JA natürlich denkst du, dass es nur diesen Weg gibt, weil bei dir hat er ja funktioniert! Holy fuck, wie mich das aufregt!

 

Realistisch gesehen, spielt da beispielsweise noch der wirtschaftliche und soziale Background eine Rolle. Hast du finanzielle Polster um Durststrecken zu überwinden und kennst du die richtigen Leute? Warst du clever genug eine ordentliche Marktanalyse vorher durchzuführen? Weißt du, woher du deine Kunden und Aufträge herbekommst?

 

Eine Warnung an alle, die nicht aus privilegierten Verhältnissen stammen und geblendet sind, vom Follow-your dream - Start up Wahnsinn: Das kann richtig in die Hose gehen. So sehr in die Hose, dass du weinend im Bett liegst und dich fragst, wie du Geld für den nächsten Monat ranbekommst und warum du so bescheuert warst und deinen sicheren Job mit dem krassen Gehalt geschmissen hast. 

 

Die Idee von Selbstständigkeit und einer geilen eigenen Firma KANN schief gehen - und wenn es schief geht, dann gewaltig, aber auch nur, wenn du dir keinen Notfallplan zu Recht gelegt hast und dich nicht genügend vorbereitet hast.

Hinfallen, aufstehen, hinfallen, aufstehen, hinfallen, aufstehen


Das Ende vom Lied ist, dass ich alle mühsam aufgebauten Websiten gekündigt habe und nicht mehr betreibe. Es ist einfach zu viel Aufwand, für ja, einfach kein Geld. Meine Selbstständigkeit betreibe ich jetzt neben meinem Vollzeitjob und habe hier und da kleinere Projekte. Ich glaube so sollte man eigentlich auch anfangen - aus der Ruhe heraus alles vorbereiten (es sei denn du hast einen Raketenantrieb entwickelt der uns mit Lichtgeschwindigkeit befördern kann oder einen Spiegel der dich automatisch schminkt etc. Dann kündige sofort^^).

 

Tja, Leben ist hart.

Aber auch irgendwie lustig, denn wenigstens ist eine unterhaltsame Geschichte dabei herausgekommen!

 

Herr LÿÐmann