Wie finde ich Schreibideen?

Warten bis die Muse mich küsst? Oder was?

Die Autorin Sigrid Schein-Zint hat hierzu einen Gastartikel geschrieben. Sie schreibt Romane und hat ihren Debütroman  „BLUTORANGE" im Selbstverlag veröffentlicht.

 

Über den Prozess von der Romanidee bis zur Veröffentlichung hat sie einige Artikel auf ihrem Blog veröffentlicht. Im Folgenden schreibt Sie über das Sammeln und Finden von Schreibideen.

 

Unsere Herangehensweisen und Arbeitsstile sind unterschiedlich. Genau das macht den Austausch zwischen uns so spannend und bereichernd. Meinen Artikel zu diesem Thema findet ihr unter diesem Link auf Sigrids Homepage


Was mir Schreiben bedeutet

 

Um meine Tipps besser verstehen zu können, erläutere ich vorweg welchem Genre ich mich zugehörig fühle und was mir Schreiben bedeutet.

Mein erster Roman „BLUTORANGE“  und alle weiteren Romanthemen, die begonnen sind, erzählen Geschichten „unserer“ Zeit. Sie beschreiben Konfliktlagen in unterschiedlichen Lebensabschnitten. „BLUTORANGE“ ist eine Geschichte über das Suchen und Finden des eigenen Weges. Mein aktuelles Romanprojekt beschreibt den abenteuerlichen Weg alte Lebensmuster hinter sich zu lassen, ohne den Rahmen, der darum gespannt ist, zu zerstören. Die Romane haben sehr viel mit mir und meiner Lebensgeschichte zu tun und sind doch nicht autobiographisch. Ich bediene mich meiner Erinnerungen an Geschehnisse, Erlebtem und Personen.

Schreiben hat für mich einen existenziellen Stellenwert. Schreiben bedeutet für mich auch das Nachdenken über mich selbst. Es entlarvt Unverarbeitetes, deckt Vergessenes auf und ermöglicht, es in einem anderen Kontext anzuschauen. Durch das Einfärben und Modifizieren in eine Geschichte findet es seinen Platz und ich kann es loslassen. Die Phantasie springt an, setzt Handlungen in Gang, gebiert Personen und bietet die Freiheit, Handlungen beliebig zu modifizieren. Das ist für mich ein wunderbarer Vorgang.

 

Klarheit schaffen, erste Struktur

 

Einfach drauf losschreiben? Nein und Ja.

Nein, wenn man nur vage weiß, wohin die Geschichte, die Handlung führen soll und ja, wenn zwar der Kern der Erzählung noch nicht reif ist, man aber gerade so einen tollen Plot im Kopf hat der passen könnte. Nicht zaudern, Aufschreiben!

Aber Klarheit muss sein. Beginnt mit einer Kurzbeschreibung, was soll die Essenz des Romans sein? Worum geht es? Es muss ein Handlungsstrang erstellt werden, ein erster Entwurf. Wo und wie fängt es an und wo willst Du hin? Liebe – Drama – Wahnsinn, Abenteuer mit Happyend oder ...? Dann - ganz, ganz wichtig - die Personen. Bestimme die Hauptakteure und ihre Beziehungen zueinander und zu anderen, die z.B. diese Beziehung gefährden oder beeinflussen. So entsteht ein roter Faden. Der darf noch Lücken haben, wichtig ist, dass Du einen Überblick bekommst.

Und jetzt vertraue Dir, dass sich die Geschichte entwickelt, dass Du es schaffst, die losen Enden zu verknoten und Du die Phasen, in denen Du nicht weiterkommst überwinden wirst.

 

Schätze sammeln

 

Ich schreibe, seit ich schreiben kann. Tagebuch, Beobachtungen, Gedanken, Erlebnisse anderer, Nachdenkliches, Dialoge, die ich aufschnappe oder die mir einfallen, Romanideen und kurze Geschichten. Da muss ich mich nicht zu zwingen, das gehört zu mir. Da kommt eine Menge zusammen.

Hier meine Tipps dazu:

Notizblock und Stift sollten ein ständiger Begleiter sein. Dir kommt ein toller Gedanke, schreibe ihn gleich auf: Gedanken sind sehr flüchtig. Du sitzt in der U-Bahn und da macht es klack und Dich trifft eine Erkenntnis. Nicht lange drüber nachdenken, sofort aufschreiben, geht auch gut ins Handy, denn fast jedes hat diese Memo-Funktion. Beobachtungen, zufällig mitgehörte Gespräche, Aussprüche, merkwürdige Gesten, notiere alles.

So entsteht ein inspirierender Schatz, in dem Du schmökern kannst, wenn es mal nicht so läuft und Du Anregungen und Ideen brauchst, weil Deiner aktuellen Geschichte gerade die Spannung ausgegangen ist, es noch einem Geheimnis, oder einer Affäre bedarf, um wieder Schwung rein zu bringen. Bei mir funktioniert das wunderbar, es setzt Ideen frei. Man lernt bewusst den Schatz zu nutzen. Wenn man super organisiert ist und gerade mal wieder den richtigen Flow fürs Romanschreiben nicht findet, kann man seine Schatztruhe am PC ordnen und so noch besser nutzbar machen.

 

Feste Zeiten / Arbeitsmethode

 

Warten bis Dich die Muse küssend an den PC zieht oder bis Du in Schreibstimmung kommst? So wirst Du Dein Ziel nicht erreichen und dein Roman bleibt unvollendet und Du mit einem Misserfolg zurück. Nicht Abgeschlossenes kann einem das kreatives Dasein ganz schön vermiesen.

Also: feste Zeiten einhalten, in denen Du am Schreibtisch sitzt und zwar frei von Ablenkung wie Handy, Musik und Internet, nur Du und Dein Schreibprojekt, egal wie produktiv: Du bleibst da sitzen. Aber starre nicht in die Luft, kultiviere nicht Deine düsteren „Ich bringe es heute nicht“ - Gedanken, sondern stöbere in Deiner Schatzkiste oder arbeite den schon geschriebenen Text durch, passe die anfangs angelegte Struktur an, überprüfe, ob die Spannungsbögen tragen, ob es noch welche braucht, Dir eine Person verloren ging, die aber in späteren Kapiteln eine tragende Rolle spielen soll. Da hast Du was zu reparieren und schon arbeitest Du. Du wirst Dich wundern, wie schnell die Zeit vergeht. Lenke Dich nicht ab, befasse Dich nur mit Deinem Text. Jetzt ist keine Recherchezeit. Diese lege extra fest, denn mit Recherchen kann man so wunderbar aufschieben.

 

Struktur und Ordnung muss sein

 

Und nochmals ein dringender Hinweis auf Struktur. Ich bin eine Patchwork-Schreiberin, das heißt nach der ersten groben Handlungsstruktur und der Klarheit darüber, was meine „Botschaft“ werden soll, lege ich los. Für zwei angefangene Romane habe ich schon die Schlussszenen verfasst, weil es genau darauf hinlaufen soll. Ich schränke mich da nicht ein. Kommt mir eine Idee, schreibe ich sie runter, auch wenn ich noch nicht genau zu weiß, ob sich das Geschehen, wirklich so zuspitzen wird. Das ist ein etwas chaotisches Vorgehen, aber so ist das eben bei mir und es funktioniert. Würde ich mich in ein Schema pressen, ging sehr viel Kreativität verloren. Daher ist es für mich nötig, immer wieder Ordnung zu schaffen. Die Personenlisten mit ihren Beziehungen immer wieder anzupassen, Zeitschienen neu zu zeichnen und Spannungsbögen zu markieren. Hört sich mühsam an, ist es auch.

Meine Empfehlung: Wähle die Art zu schreiben, die den Schreibfluss am besten bei Dir anregt. Schreib einfach mal drauf los: Dir fällt gerade so eine toller absurder Dialog ein, ist noch nicht dran aber da ist er, schreib ihn auf. Die Knochenarbeit der Textüberarbeitung kommt noch früh genug. Als Erstes muss die Geschichte ungehemmt wachsen dürfen.

 

Mein Fazit, meine Empfehlung:

 

Ignoriere anfangs Rechtschreibung und Grammatik. Ignoriere Formulierungsschwächen und sachliche Unklarheiten, wichtig ist die Handlungsidee, den Wahnsinnsgedanken, den absolut tollen Dialog, die coole Beschreibung einer Person, eines Ortes, die passenden Wörter um eine Stimmung festzuhalten. Jubel nicht lange über geniale Einfälle, sonst hast Du sie schon vergessen. Korrigieren, umformulieren, zusammenfassen, streichen, das alles ist dann später dran, erst schaffe Dir Substanz mit der Du arbeiten kannst.

„Die Ideenfindungs-Methode“ gibt es nicht, jeder muss sich seine eigene erarbeiten und ausprobieren. Vertraue darauf, dass sie sich durch Dein Tun entwickeln wird.

 

Ich freue mich auf Deine Kommentare und wünsche Dir viele wunderbare Schreibabenteuer.

 

Sigrid Schein-Zint