Was ist Liebe? Teil 2: Definitonsansätze aus verschiedenen Forschungsbereichen

In meinem Blogbeitrag „Was ist Liebe? Teil 1: Liebe ist eine Emotion“ hatte ich euch versprochen, dass ich euch noch mehr liefern möchte. Noch mehr zur Theorie der Liebe.

Mehr, mehr, mehr!

 

Nun denn, versprochen ist versprochen!

Ich präsentiere euch Teil 2: Ansätze einer Definition der Liebe aus verschiedenen Forschungsbereichen.

Doch zuerst: warum schreibe ich über die theoretischen Grundlagen der Liebe? Warum beschäftige ich mich damit?

Was will ich? 

 

 

 

 

 

Ich will so viele Facetten der Liebe wie möglich in einer geschlossenen Erzählung abbilden.

 

Seit über einem Jahr arbeite ich an meinem Romanprojekt und meine Vision wird dabei immer deutlicher. Ich will so viele Facetten der Liebe wie möglich in eine Erzählung pressen, ich will wissen, wie viele Klassen, Arten usw. ich in einer geschlossenen Story beschreiben kann und wie ich es schaffen kann, Liebe sowohl bildlich, symbolisch als auch inhaltlich in einer Welt abzubilden. Deswegen beschäftige ich mich auch mit Themen des Weltenbaus (schreibe beispielsweise Gastartikel für Weltenbauforen um dabei wieder etwas zu lernen) oder Selbstoptimierung (was wieder rum mit Selbstliebe zu tun hat).

 

Wie ich Liebe dramaturgisch abbilden will

 

Dramaturgisch gehe ich dabei so vor, dass ich verdrehte Liebesmotive in kleineren Erzählungen abbilde, die innerhalb eines Monomythos´ in ihr positives Gegenteil gedreht werden. Dazu muss ich Liebe auf handlungstheoretischer Basis verstehen, um dann zu verstehen, wie man sie mit den richtigen dramaturgischen Motiven abbilden kann.

 

Wenn ich also über Liebe in allen Facetten in meinem Roman schreibe, dann sollte ich doch wohl in meinem Blog die theoretischen Grundlagen der Liebe und einzelnen Liebesarten erläutern. Schließlich hab ich das alles doch schon einmal rausgesucht und gegenübergestellt (zu meine Masterarbeit). Es wäre Quatsch, wenn ich das nicht nutzen und einen neuen Stand drauf packen würde.

 

Ansätze aus fünf verschiedenen Forschungsbereichen

 

Den zweiten Teil dieses Themenkomplexes kommt nun mit diesem Blogartikel. Er beschäftigt sich mit den Definitionen von Liebe aus den Bereichen:

 

  • Biologie und Physiologie
  • Psychologie
  • Systemtheorie
  • Spiritualität
  • Theologie

 

Diese Bereiche wählte ich vor allem aus, da es mir wichtig war, zu zeigen, wie unterschiedlich Liebe gesehen werden kann. Dabei verwendete ich hauptsächlich das Buch „Was ist Liebe? Eine integrale Anthologie über die Facetten der Liebe ” von Tom Amarque und Bernd Markert (Hg.). Die Textabschnitte sind mit dem entsprechenden Literaturverweis gekennzeichnet. Wissenswertes habe ich in die Anmerkungen in den Anhang gepackt. Ihr erkennt das an den Zahlen in den Klammern.

 

Jetzt geht’s aber los: Was ist Liebe?

 

Rein etymologisch[1]  entstammt das Wort „Liebe“ den Worten „Begehren”, „Verlangen” sowie „Befriedigung” und hat eine gemeinsame Grundlage mit dem Wort “Libido”. [AH10] Aber das kann doch nicht alles sein? Es zeigt sich, dass die Forschung nach einer Definition von Liebe vielerlei Ansätze offenbart, denn:

 

Es gibt keine allgemeingültige Definition von Liebe

 

Nach Markert und Amarque gibt es keine allgemeine Definition von Liebe. Jeder Mensch definiert Liebe anders, weshalb es stets genauso viele Definitionen von Liebe wie Menschen auf der Erde gibt. Gleiches gilt für die verschiedenen Wissenschaftsbereiche der Menschen. Die Wissenschaft liefert andere Definitionen als die Psychologie oder Systemtheorie. Ähnlich verhält es sich mit den Definitionen aus der Spiritualität im Gegensatz zur Erklärung aus der Theologie. Dazu komme, laut dem Mediziner und Gesundheitswissenschaftler Tobias Esch, dass die Wissenschaft über die Liebe noch sehr jung ist und bisher nur vermutet werden kann, dass die Liebe wichtig für das Überleben der Menschen ist, da sie soziale Bindungen, Paarung und Reproduktion begünstigt. [AH10]

 

Was sagt denn eigentlich das Lexikon?

 

Laut dem Oxford English Dictionary ist Liebe ein intensives Gefühl, verbunden mit einer starken Zuneigung für ein Individuum - meist aus Gründen von Attraktivität oder Sympathie. Die betreffende verliebte Person sorgt sich um das Objekt der Begierde und ist glücklich, wenn es anwesend ist. [Dic13]

 

Liebe in der Biologie und Physiologie

 

Wie bereits Markert und Amarque festgestellt haben, meint auch der Mediziner und Gesundheitswissenschaftler Tobias Esch, dass es vielerlei Antworten abhängig vom Bereich oder dem Hintergrund des befragten Individuums gibt. Liebe werde auch als sexuelle Leidenschaft bezeichnet, welche oft von einvernehmlicher, sexueller Aktivität begleitet wird.

 

Weiterhin kennzeichnet Liebe auch eine emotionale Bindung zu einer Gruppe oder auch Kategorie von Menschen, dem Land und auch einem Gegenstand. Diese emotionale Bindung besteht aus einer sinnlichen Stimulation von etwas das begehrt wird. Liebe ist daher eng mit Belohnen und süchtig machenden Verhaltensweisen verbunden. 

 

 

 Liebe: reduziert auf drei Funktionen?

 

  • Liebe macht langandauernde Beziehungen möglich, die Versorgung, Schutz und Vertrauen bieten.
  • Das Individuum ist dabei in einen Zustand, der mit besonderen Verhaltensweisen [2] und sozialen Interaktionen verbunden ist.
  • Zuletzt besteht der Sinn der Liebe aus den genannten Gründen nicht in der biologischen Auslese; sie bildet vielmehr die Grundlage der Evolution. 

 

Liebe: reduziert auf drei positiven Eigenschaften?

 

  • Abnahme von Depressivität
  • Annahme von Zuständen der Entspannung [3]
  • wodurch Glück bzw. Zufriedenheit zunimmt

 

Esch schließt seine Untersuchungen damit ab, dass Medizin und Psychologie diese Mechanismen, welche Genuss, Belohnung und Motivation steuern, therapeutisch nutzen könnten. [AH10]

 

Liebe in der Psychologie

 

Ein Ansatz aus der Psychologie soll vom Psychoanalytiker und Sozialpsychologe Erich Fromm herangezogen werden, der klar formuliert, dass die Liebe in der modernen, kapitalistischen [4] Gesellschaft dem Verfall ausgeliefert sei.

 

Ein Individuum werde generell von der Kultur in der es lebt, beeinflusst; das Handeln, Denken und sogar Fühlen, würde dem der Gesellschaft angepasst werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

Liebe: beeinflusst durch die Gesellschaftsform?

 

Um dieses zu untermauern, analysierte er die westliche, weitestgehend kapitalistische Welt, deren Merkmal ist, dass der Markt als Regulator für alles gilt, welches sich sowohl auf wirtschaftliche-, als auch -in Konsequenz dessen- auf gesellschaftliche Beziehungen auswirkt.

 

So würden materielle Dinge höher bewertet werden, als der einzelne Mensch. Ein weiterer Faktor liege im Merkmal der Arbeitsteilung, die jeden Menschen austauschbar mache und er dadurch seine eigene Identität verliere. Um dies zu schaffen, müsse er fehlerfrei funktionieren und hauptsächlich konsumieren, welches darin gipfelt, dass Individuen ihre Gefühle und Emotionen in Arbeit und passiven Konsum ersticken. Viele Menschen würden nach Fromm annehmen, die Liebe passiere einfach; sie sehnten sich nach Liebe, werden auf der Suche nach ihr jedoch immer wieder enttäuscht.

 

Liebe sei auch das Lernen von Liebe

 

Deswegen appelliert Fromm, die Kunst der Liebe dringend zu erlernen. Dies sei schwer, da vieles (wie beispielsweise Erfolg, Prestige, Macht und Geld) wichtiger erscheint. Im Fazit führt dies dazu, dass Liebe, die augenscheinlich nur der Seele nutzt, bedauerlicherweise Luxus ist. [Fro09]

 

Liebe in der Systemtheorie

 

Ken Wilber, ein Autor aus dem Bereich der integralen Theorie [5], definiert Liebe als keine menschliche Emotion, sondern als eine metaphysische Kraft.

 

Liebe sei Eros und Eros sei der Grund der Evolution.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Liebe: eine metaphysische Kraft?

 

Dies erläutert er anhand seines Zweifels, dass es sich bei der Entwicklung eines Moleküls zu einer vollständigen Kette um einen physikalischen Zufall handeln soll. Es passiere ständig im Universum und werde dabei immer komplexer. Damit bezieht er sich unter anderem auch auf die vielen kleineren Einheiten, die sich immer weiter zu einer größeren einzelnen Einheit zusammenschließen; immer weiter, bis schließlich der Punkt erreicht wird, wo das Universum und der Evolutionsprozess sich seiner selbst bewusst wird [6].

 

Liebe sei ein endloser Suchvorgang zur höheren Einheit

 

Dass Menschen Eros in sich tragen, erklärt Wilber anhand von Maslovs Bedürfnispyramide [7]. Liebe drückt zunächst physiologische Bedürfnisse aus, dann Sicherheitsbedürfnisse, gefolgt von Zugehörigkeitsbedürfnissen sowie Selbstwertbedürfnissen und schließlich das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung. Dies sind jedoch nur Bedürfnisse, die aus einem Mangel heraus entstanden sind. Es stellt demnach einen endlosen Vorgang und damit auch das Wesen der Liebe dar.

 

Erst wenn es um Seinsbedürfnisse geht, kann die Liebe in ihrer wahren Natur gesehen und erkannt werden. Die wahre Natur der Liebe sei hierbei das Suchen/Streben nach einer höheren Einheit. Sodass wenn man Liebe fühlt, man mit der kosmischen Kraft verbunden sei, was zu Mitgefühl für andere führt. Daraus ergibt sich erneut eine Einheit mit anderen Individuen und schließlich eine Einheit aus allen empfindlichen Wesen [8] [9]. [AH10]

 

Liebe in der Spiritualität

 

Der spirituelle Lehrer, Kulturkritiker und evolutionäre Philosoph Andrew Cohen, erklärt Liebe im Hinblick darauf, dass sie für jeden Menschen etwas anderes bedeutet.

 

Das, was der Mensch als Liebe bezeichnet, sei sehr persönlich, mit starken Empfindungen verbunden und für diejenige Person am wichtigsten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Liebe: für jeden etwas anderes?

 

Dies schließt vieles mit ein: Liebe zu einem Gegenstand, zu sich selbst, der Heimat, zur Musik, zu Tieren, zu einer Freundschaft, zur Freiheit oder allgemein zum Leben - die Liste ließe sich beliebig fortführen. Daher konkretisiert er drei Bereiche:

 

Liebe konkretisiert in drei Bereiche:

 

  • persönlicher Geschmack bzw. Vorlieben
  • Erfahrung von tiefen emotionalen Bindungen
  • Die Verbindung zu einer höheren spirituellen Wahrheit. [AH10]

 

Liebe in der Theologie

 

Ähnlich des Ansatzes von Erich Fromm gibt auch Papst Benedikt der XVI. zu, dass die Liebe ein weites semantisches Feld sei.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Liebe: Gott?

 

In seinem Werk “Deus Caritas Est” erklärt er, dass Gott Liebe ist. Wer bei Gott bleibt, bleibt auch bei der Liebe. Dementsprechend gibt es natürlich eine Verbindung zwischen der Liebe Gottes und der - in diesem Falle - menschlichen Liebe. Papst Benedikt bezieht sich vor allem auf zwei Aspekte:

 

Zwei Aspekte der Liebe

 

  • die Liebe Gottes zum Menschen, wie der Mensch auf diese reagiert und
  • die Liebe zwischen den Menschen, wobei als Archetyp die Liebe zwischen Mann und Frau hervorsticht. [AH10]

 

Und jetzt?

 

Es lässt sich also feststellen, dass die Suche nach einer Definition nach Liebe für jedes Individuum etwas anderes bedeutet und äußerst vielschichtig ist! Ein wirklich gutes Fazit nachdem jeder genauso schlau ist wie vorher. Aber:

 

Der Weg ist das Ziel.“

(Konfuzius, chinesischer Philosoph)

 

Und das bedeutet: für den Kontext meines Romans erscheint mir eine Betrachtung aus dem physiologischen, psychologischen, vor allem nach den Ausführungen Fromms, und systemtheoretischen Bereich am sinnvollsten [9] [10]. Die verschiedenen Definitionen aus den Forschungsbereichen zum Thema Liebe gründen alle in dem Fakt, dass Liebe vielerlei Facetten und Ausprägungsformen, die ich in meinem nächsten Blogartikel als Klassen bezeichne, aufweist.

 

Die verschiedenen Klassifizierungen von Liebe

 

Diese Thematik ist wie schon die Definition einer Emotion oder der Liebe sehr breitgefächert und ich werde die einzelnen Klassen daher einzeln und klar aufbereiten. Falls ihr bis hierher Fragen habt, bitte zögert nicht sie in den Kommentaren zu stellen. Ich habe nämlich auch ein paar Fragen an euch: Was ist denn generell eure Definition von Liebe? Welchem Themenbereich würdet ihr am ehesten zustimmen? Ich diskutiere gerne und freue mich auf spannende Kommentare. :D

 

In der nächsten Woche liefere ich euch einen neuen Blogartikel zur Selbstoptimierung, diesmal mit einem Thema mit dem ich mich schon mein ganzes Leben herumschlage. <3

 

Liebevolle Grüße

Herr LÿÐmann


Anmerkungen

 

1: Etymologie ist die Wissenschaft, die sich mit der Erklärung und Entstehung eines Wortes beschäftigt. [Wik16]

2: Der Ausdruck „Liebe macht blind” lässt sich erklären, weil Aktivitäten im Gehirn die mit d. kritischen Einschätzung v. Menschen zu tun haben, durch die Liebe verringert werden.[AH10]


3: Die gleichen positiven Zustände lassen sich auch beim Hören von Musik oder Meditation ausfindig machen. [AH10]

4: Kapitalismus ist eine Form der Gesellschaft, die auf Eigentum basiert und über den Markt, bezüglich Produktion und Konsum reguliert wird. [Wik16]

5: Diese Theorie bezeichnet den Versuch, die Welt und den Menschen ganzheitlich zu erfassen und alles Denken in diesem Sinne zu vereinen. [Wik16]


 

6: An diesem Punkt, stellt Wilber die Frage, ob dies das Ende des Universums oder das Erwachens kennzeichnet. Da fliegt einem doch das Gehirn weg! [AH10]


7: Diese Pyramide beschreibt, hierarchisch geordnet, Bedürfnisse sowie Motivationen des Menschen. [Wik13]


8: Er bezieht sich auch auf Forscher des Santa Fe Instituts, die sich mit Chaos und Komplexitätstheorien beschäftigen. Nach ihnen gibt es eine fünfte Kraft im Universum, die sie als die Kraft der Selbstorganisation bezeichnen. Die übrigen vier Kräfte sind: starke und schwache Nuklearkraft, die Gravitationskraft und der Elektromagnetismus. [AH10]

9: Und das liebe Leute ist die Definition die ich persönlich teile. Als ich damals diese seitenlange Abhandlung von Wilber gelesen hatte, saß ich gerade in der Uni. Es war Sommer, draußen haben ein paar Kinder gelacht und ein scharfer Sonnenstrahl fiel durch das Fenster. In ihm tanzten Staubflocken und ich beobachtete sie gedankenversunken- dachte über die Integraltheorie nach, bedauerte meine Existenz die nur noch aus Arbeiten und meiner Masterarbeit bestand und hatte dann plötzlich: einen extreme krassen Erkenntnismoment. Dann hab ich geweint, denn plötzlich war ich ob der Erklärung aus der Systemtheorie so beruhigt, dass alles irgendwie wieder gut war.

Kann aber auch daran liegen, dass ich übermündet war, furchtbare Angst hatte meine Masterarbeit nicht perfekt vollenden zu können und deswegen etwas gefühlsduselig war. Wer weiß das schon!

 

9: Die Bereiche Spiritualität und Theologie werden an Stellen, an denen es dienlich erscheint, ebenfalls als Vermerk in die Betrachtung mit einbezogen um ein möglichst breites Spektrum abbilden zu können.

10: Im Kontext meiner Masterarbeit war diese Betrachtung ebenfalls sinnvoll, da auch digitale Spiele eher in prototypischen Kategorien gehören (siehe Blogartikel: Was ist eine Emotion? Erläuterung der prototypischen Kategorien), welche im späteren Teil zur Analyse die Grundlage der Untersuchung bildeten.

 

Literaturverzeichnis

[AH10]: AMARQUE, Tom ; (HG.), Bernd M.: Was ist Liebe? Eine integrale Anthologie über die Facetten der Liebe. Phänomen-Verlag Norina Ebele Hamburg, 2010

[Fro09]: FROMM, Erich: Die Kunst des Liebens. Ullstein Verlag, 2009 (68. Auflage) 

 

Internetquellen

[Wik16]: WIKIPEDIA: Wikipedia - die freie Enzyklopädie. Website (Stand 11.01.2016). http://de.wikipedia.de. Version: 2016

[Dic13]:
 DICTIONARIES, Oxford: love. Website (Stand 07.07.2013). http://oxforddictionaries.com/definition/english/love. Version: 2013