Was ist Liebe? Teil 1: Liebe ist eine Emotion

Krass, was für eine Frage!

 

Ich bewege mich hier auf dünnem Eis mit diesem Blogartikel, das ist mir klar. Mir war das schon bei meiner Masterarbeit klar und ganz ehrlich: es war damals und heute ein Risiko. Dann breche ich eben ein. Dann ertrinke ich eben in der unglaublichen Flut von komplizierten Informationen und philosophischen Diskursen, empirischen Artikeln oder esoterisch/spirituellen Abhandlungen.

 

Vielleicht verstehe ich Liebe noch immer nicht, vielleicht ist das der Grund warum ich meinen Roman schreibe und Worte darüber verlieren muss – aber ich will dabei wenigstens die richtigen Worte finden. Ich will Liebe verstehen und dabei auch für andere verständlich machen.

 

 

 

 

Ich will so viele Facetten der Liebe wie möglich in einer geschlossenen Erzählung abbilden.

 

Seit einem Jahr arbeite ich an meinem Romanprojekt und meine Vision wird dabei immer deutlicher. Mir wird klar, dass fünf Jahre gar nichts sind. Vielleicht brauche ich sogar länger, aber auch hier:  ich gehe das Risiko ein. Ich will das unbedingt. Ich will so viel Liebe wie möglich in eine Erzählung pressen, ich will wissen, wie viele Facetten ich in einer geschlossenen Story beschreiben kann und wie ich es schaffen kann, Liebe sowohl bildlich als auch inhaltlich in einer Welt abzubilden. Dazu erzähle ich verdrehte Liebesmotive, die dann durch einen Helden in ihr positives Gegenteil gedreht werden müssen. Und dazu muss ich vor allem eins: Liebe verstehen.

 

Vor kurzem hatte ich eine Blitzidee im Hirn: wenn ich schon über Liebe in allen Facetten in meinem Roman schreibe, dann sollte ich doch wohl in meinem Blog die theoretischen Grundlagen der Liebe und einzelnen Liebesarten erläutern. Schließlich hab ich das alles doch schon einmal rausgesucht und gegenübergestellt. Es wäre Quatsch, wenn ich das nicht nutzen und einen neuen Stand drauf packen würde.

 

Die Logik der Gefühle

 

Den Anfang dieses Themenkomplexes wird dieser Blogartikel machen, der sich mit der Erläuterung warum Liebe eine Emotion und kein Gefühl ist, befasst. Ich habe hierbei versucht, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren und hauptsächlich das Buch von Aaron Ben-Ze’ev, „Die Logik der Gefühle. Kritik der emotionalen Intelligenz“ aus dem Suhrkamp Verlag zu Rate gezogen. Die Textabschnitte sind mit dem entsprechenden Literaturverweis gekennzeichnet. Wissenswertes habe ich in die Anmerkungen in den Anhang gepackt. Ihr erkennt das an den (Zahlen) (und auch an der Menge der Anmerkungen, dass ich wirklich sehr viel als Wissenswert empfinde xD). 

 

Nur der ist etwas, der etwas liebt.

Nichts sein und nichts lieben ist identisch.” - Ludwig Feuerbach [AH10:113]

 

Nach dem deutschen Philosophen Ludwig Feuerbach ist ein Nichtliebender vergleichbar mit einem Zustand, in dem nichts im Menschen ist. Die Liebe ist zu aller erst und von Menschen wahrgenommen: ein Gefühl bzw. eine Emotion. Weshalb ein Nichtliebender in diesem Sinne nur körperlich existiert, da er weder ein Gefühl oder eine Emotion in sich trägt.

 

Liebe ist eine Emotion

 

Aus diesem Grund musste ich mich in der methodischen Vorgehensweise zur Begriffsdefinition der Liebe mit Gefühlen und Emotionen auseinandersetzen, da sie die Grundlage bzw. die Voraussetzung der Liebe bilden und damit helfen, eine Definition zu finden.

 

Eine Emotion ist eine Gefühlsbewegung, die Interpretation eines Gefühls

 

Beide Begriffe sind komplex, aber unterschiedlich. Laut Duden ist das Gefühl eine psychische Empfindung im Menschen. [Dud13] Es passiert im Jetzt, während eine Emotion eine Gefühlsbewegung beschreibt. [Dud13] Sie sind die Interpretation eines Gefühls. Mit der Begrifflichkeit einer Emotion lässt sich Liebe in diesem Zusammenhang eindeutiger erfassen, weshalb ich noch einmal genauer auf die Emotion an sich eingehe:

 

Emotionen benötigen alle wissenschaftlichen Bereiche und prototypische Kategorien zur Einordnung

 

Nach Aaron Ben-Ze’ev, einem Professor der Philosophie, seien Emotionen die komplexesten mentalen Ereignisse die es überhaupt gibt; weil an ihnen alle Hirnregionen gleichzeitig beteiligt sind. Daher schlägt er zu ihrer Beschreibung vor, alle wissenschaftlichen Bereiche und zusätzlich prototypische Kategorien anzuwenden(1).

 

Prototypische(2) Kategorie bedeutet, dass je größer die Ähnlichkeit zu einer bestimmten Kategorie, desto höher ist auch ihre Zugehörigkeit; welches auch der Grund dafür ist, warum es keine klaren Grenzen zwischen den einzelnen Emotionen gibt. [BZ09] Er begründet die Argumentation alle wissenschaftlichen Bereiche mit in die Definition einzubeziehen, mit der unterschiedlichen Betrachtungsweise auf ein Themengebiet, welches dadurch umfassender wird. 

 

Emotion: physisch, psychologisch und philosophisch

 

Physiologisch gesehen besteht eine Emotion aus Neurotransmittern, die die Aktivität des Nervensystems im gesamten Körper bestimmen(3).

Rein psychologisch ist die Emotion ein Gefühl, welches aus 

 

  • Wahrnehmung
  • Bewertung
  • und Motivation besteht.

 

Philosophen betrachten bei einer Emotion im Gegensatz dazu eher das Verhältnis zu moralischen Anschauungen. [BZ09]

 

Emotion ist ein ständig neu bewertender, psychischer Zustand

 

Ben-Ze’ev fasst diese Auffassungen zusammen und beschreibt die Emotion als ständig neu bewertenden, psychischen Zustand.

 

Grundelemente einer Emotion

 

  • Wahrnehmung
  • Bewertung
  • Motivation
  • Gefühle

 

Typische Merkmale

 

  • Instabilität
  • große Intensität
  • Parteilichkeit
  • Kurzlebigkeit

 

Für die Komplexität von Emotionen gibt es zwei Gründe:

 

  • sie hängen stark von persönlichen Faktoren bzw. Hintergründen ab(4),
  • und treten oft zusammen auf.

 

Daher bilden sie verschiedene Formen(5) (Stichwort prototypische Kategorie).

 

Ursache von Emotionen

 

Ursache von Emotionen sind wichtige Veränderungen innerhalb einer persönlichen Situation eines Individuums, welches auch für nahestehende Personen gilt. Menschen gewöhnen sich an ein bestimmtes Niveau von Reizen(6);  wird davon abgewichen, passiert eine Emotion(7).  Der Unterschied zwischen der Aufnahme einer Veränderung durch das allgemeine Bewusstsein und einer Emotion besteht darin, dass er das Individuum persönlich betreffen muss. Das Individuum stuft dann durch ein flexibles Bezugssystem ein, wie wichtig es ist(8).

 

Dieses Bezugssystem beruht auf Vergleichen. Das bedeutet, dass während sich ein Individuum in einer bestimmten Relation befindet, es sich nicht in einer anderen befinden kann(9).  Das Vergleichen basiert auf einer persönlichen Perspektive, wobei das logische Denken dabei oft den Versuch darstellt, das emotionale Denken zu überwinden. Die Perspektive wird vom Hintergrund eines jeden Individuums bestimmt, welcher flexibel ist. Der Hintergrund wird dabei auch als Basslinie bezeichnet, welche jedes Individuum als Vergleichslinie nutzt(10).  Besteht ein Konflikt zwischen der Basslinie und der Einschätzung eines anderen Individuums, treten Emotionen auf. Der Vergleichsaspekt spielt bei der Bildung von alternativen Situationen eine zusätzliche Rolle(11). Je ungewöhnlicher die Situation ist, desto leichter ist die normale Alternative und desto heftiger fällt die entsprechende Emotion aus. 

 

Menschen sind „emotionale Objekte“

 

Menschen werden von dem berührt, was andere Menschen tun/sagen, bzw. wie sie selbst handeln. Weshalb sie ein „(...) emotionales Objekt”[BZ09:39] darstellen, dessen Emotionen sich auf andere Handelnde richtet. Je menschenähnlicher das Objekt dabei wahrgenommen wird, desto intensiver ist auch die entgegengebrachte Emotion. Haben Objekte Eigenschaften, die an Handelnde erinnern, können sich Emotionen ebenfalls auf dieses Objekt richten (12) (Interessant dazu: der Uncanny Valley Effekt).

 

Soziale Kontakte machen glücklich

 

Da für den Menschen Emotionen eine derart große Rolle spielen, ist es nachvollziehbar, dass je mehr soziale Kontakte er pflegt, er glücklicher und gesünder ist.

 

 

 

Dabei spielen Gruppen eine bedeutsame Rolle, die einen großen Teil des menschlichen Gefühlslebens bestimmen. Referenzgruppen sind jene Gruppen, die mit dem jeweiligen Individuum vergleichbar sind, während die soziale Gruppe die häufigsten sozialen Kontakte einschließt. [BZ09]

 

Innerhalb einer sozialen Gruppe findet Liebe statt

 

Nach Prof. Dr. Bernd Markert und dem Autor Thomas Amarque sei Liebe gar der Verstärker/Verursacher von Krieg und Frieden [AH10] und wurde für die Konfliktbildung im dramaturgischen Bereich bereits mehrfach genutzt(13).

 

Ich denke an dieser Stelle wird klar, welche riesige Bedeutung der Emotion Liebe zukommt und das sie immer mehr ist. Das ist auch der Grund warum es so wahnsinnig schwer ist sie zu definieren, wenn schon der Begriff der Emotion so kompliziert zu klären ist. Ich denke nachdem ihr wisst, warum Liebe eine Emotion und kein Gefühl ist, ist es einfacher sich auf die anschließende Thematik zu stürzen:

 

Was sind die Ansätze verschiedener Forschungsbereiche zur Definition von Liebe?

 

Diese Frage erarbeite ich im nächsten Blogartikel zur Thematik der Liebe. Falls ihr bis hierher Fragen habt, bitte zögert nicht sie in den Kommentaren zu stellen oder stößt euch vielleicht eine Aussage von Ben-Ze’ev auf? Wenn ja, warum? Ich diskutiere gerne und freue mich auf spannende Kommentare. :)

 

Bis zur nächsten Woche liefere ich euch hoffentlich noch einen überarbeiteten Podcast der ersten Erzählung aus Kapitel 1.1. Mit neuem Mikro, Soundeffekten und genialer Musik. Ich kann’s kaum erwarten eure Meinung zu hören! :D

 

Liebevolle Grüße

Herr LÿÐmann


Anmerkungen

1: Allein die Bestimmung, was alles als Emotion bezeichnet wird, stellt ein Problem dar. Jede Sprache hat beispielsweise unterschiedliche Sammlungen an Begriffen für

Emotionen. [BZ09] So gibt es im Englischen keine Bezeichnung für das deutsche Wort Sorge und Schadenfreude. [Wik13]

2: Das Pendant dazu ist die binäre Kategorie; ein Zustand, der 0 oder 1/ wahr oder falsch bedeutet. [BZ09]

3: Dadurch haben Emotionen Einfluss auf den Blutdruck, die Herzfrequenz, Atmung,Muskelentspannung, Körpertemperatur, Gesichtsfarbe etc.

4: Der Erhalt von Geld kann unterschiedliche Hintergründe haben und verschiedene Emotionen auslösen. Wurde es geschenkt ist man dankbar; hat man es gestohlen, fühlt

man vielleicht Schuld.[BZ09]

5: Trauer geht oft mit Zorn, Wut und Schuldgefühlen einher. [BZ09]

 

6: Beispielsweise reagiert man auf einen vertrauten, sexuellen Partner nicht mehr so stark, wie auf einen Neuen. [BZ09] Dieser Effekt wird als Coolidge Effekt bezeichnet und definiert eine steigende Ablehnung männlicher Individuen verschiedener Spezies immer wieder mit der gleichen Partnerin zu verkehren. [Wik13] Voll krass!

7: Diese Reaktion auf Veränderung ist evolutionär deshalb wichtig, da es einen Abwehrmechanismus gegen sich endlos wiederholende Aktivitäten darstellt. [BZ09] Sonst würden wir wohl ewig im Kreis laufen… *hihi*

8: Die wichtigste Veränderung stellt der natürliche Tod dar, da er von Faktoren bestimmt wird die man nicht beeinflussen kann. Weshalb Emotionen auch als Weg verstanden werden können, den Tod erst einmal zu “verdrängen”[BZ09]

9: Liebe kann beispielsweise erst erfahren werden, wenn sie mit anderen Zuständen vergleichbar ist. Ein weiteres Beispiel stellt auch die Wahrnehmung von Farben dar. Hat ein Individuum nur einen einzigen Bereich von blau, grün oder rot gesehen, wird es die anderen Facetten erst wahrnehmen, wenn es eine andere Erfahrung gemacht hat.[BZ09] (Und da man ja auch Erfahrungen durch Geschichten machen kann… ich glaube langsam versteht ihr, worauf ich hinaus will :D)

10: Diese Basslinie ist beispielsweise der Ausgangspunkt für die Einschätzung der sozialen Stellung. Ist die soziale Stellung bei einem anderen höher, gibt sie den auslösenden Punkt für die Emotion Neid an, umgedreht kann es aber auch Mitgefühl oder Verachtung anregen.[BZ09]

 

11: Eine Anregung hierfür geben Actionfilme, wenn sich der Protagonist auf seiner letzten Mission befindet und dabei scheitern könnte. Die Verfügbarkeit der positiven oder

negativen Alternativen, hinsichtlich des Ausgangs, spielt eine wichtige Rolle bei der Einschätzung der Situation.[BZ09]

12: Gleiches gilt für tote Menschen und fiktive Objekte.[BZ09]

13: So hat die Liebe von Romeo und Julia den erneuten Ausbruch eines langjährigen Familienkonflikts ausgelöst. [Sha97]

 

Literaturverzeichnis

[AH10]: AMARQUE, Tom ; (HG.), Bernd M.: Was ist Liebe? Eine integrale Anthologie über die Facetten der Liebe. Phänomen-Verlag Norina Ebele Hamburg, 2010

[BZ09]: BEN-ZE’EV, Aaron: Die Logik der Gefühle. Kritik der emotionalen Intelligenz. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 2009

 

Internetquellen

[Dud13]: DUDENVERLAG: Duden. Website (Stand 23.08.2013). http://www.duden.de/. Version: 2013

[Sha97]: SHAKESPEARE, William: Romeo und Julia. Website (Stand 07.07.2013). http://www.wissensnavigator.com/documents/ShakespeareRomeoundJulia.pdf. Version: 1597

 

[Wik13]: WIKIPEDIA: Wikipedia - die freie Enzyklopädie. Website (Stand 25.08.2013). http://de.wikipedia.de. Version: 2013